
Dein Herz in den Wechseljahren: Warum Prävention jetzt zählt
Die Wechseljahre markieren keinen Bruch.
Aber sie eröffnen eine neue Phase – auch für dein Herz.
Viele Frauen fühlen sich in dieser Zeit eigentlich noch gesund. Sie sind aktiv, leistungsfähig, mitten im Leben. Und doch verändert sich im Hintergrund etwas Grundlegendes: Die biologische Schutzwirkung der Hormone lässt nach, und Herz und Gefäße reagieren sensibler auf Belastungen. Lange unbemerkt. Oft unterschätzt.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen. Trotzdem wird ihr Risiko gerade in den Wechseljahren noch immer zu selten ernst genommen. Dabei ist genau jetzt der Moment, in dem Prävention besonders wirksam sein kann.
Wenn Gefäße schneller altern
Blutgefäße sind lebendige Strukturen. Sie dehnen sich mit jedem Herzschlag und federn Druckspitzen ab. Diese Elastizität schützt Herz, Gehirn und Organe.
Rund um die Menopause verändert sich dieses System spürbar. Mit dem Rückgang des Östrogens verlieren die Gefäße an Flexibilität, die Pulswelle läuft schneller, das Herz muss mehr Kraft aufbringen. Dieser Prozess ist schmerzlos – aber biologisch relevant.
Große Langzeitstudien zeigen: Frauen erleben in den Jahren um die letzte Periode einen beschleunigten Anstieg der Gefäßsteifigkeit. Innerhalb kurzer Zeit holen sie damit Gefäßalterung nach, für die Männer oft Jahrzehnte brauchen¹. Das erklärt, warum das Herzrisiko bei Frauen später einsetzt – dann aber steil ansteigt.
Blutdruck: Warum „noch normal“ nicht immer harmlos ist
Bluthochdruck gilt seit Jahrzehnten als zentraler Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. Lange lag der Fokus auf der Grenze von 140/90 mmHg. Heute zeigt sich ein differenzierteres Bild – insbesondere für Frauen.
Neue Daten deuten darauf hin, dass bei Frauen bereits systolische Werte im Bereich von 110–120 mmHg mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden sein können². Männer erreichen ein vergleichbares Risiko häufig erst bei höheren Werten.
Der Grund liegt nicht im Lebensstil, sondern in der Gefäßbiologie nach der Menopause: Schon moderate Druckanstiege können das Endothel schädigen und Entzündungsprozesse fördern, die sich über Jahre summieren.
Wechseljahresbeschwerden als Signale – nicht als Nebensache
Hitzewallungen, Nachtschweiß, Schlafprobleme oder emotionale Schwankungen werden oft als „unangenehm, aber harmlos“ abgetan. Die Forschung zeigt jedoch: Diese Symptome stehen enger mit der Herzgesundheit in Verbindung, als lange angenommen wurde.
Frauen mit häufigen oder früh einsetzenden vasomotorischen Beschwerden haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen³. Auch Schlafmangel und depressive Symptome wirken über Stresshormone, Entzündung und Blutdruckregulation auf Herz und Gefäße.
Das bedeutet nicht, dass Symptome krank machen.
Aber sie können Hinweise darauf sein, dass sich Regulationssysteme im Körper neu justieren – und Aufmerksamkeit verdienen.
Diagnostik: Was jetzt wirklich sinnvoll ist
Gerade in den Wechseljahren lohnt es sich, Herzrisiken früh sichtbar zu machen. Neben klassischen Blutwerten können folgende Untersuchungen wichtige Zusatzinformationen liefern:
- Apolipoprotein B (ApoB): zeigt die Anzahl atherogener LDL-Partikel präziser als LDL-Cholesterin allein
- Lipoprotein(a): genetischer Risikofaktor, einmalige Messung empfohlen
- hsCRP: Marker für stille Entzündung (optimal < 1 mg/L)
- Homocystein: gefäßreizend bei erhöhten Werten
- Carotis-Ultraschall (IMT): frühe Veränderungen der Gefäßwand
- Blutdruck-Selbstmessung: wiederholte Werte sind aussagekräftiger als Einzelmessungen in der Praxis
Prävention beginnt dort, wo Risiken erkannt werden – nicht erst, wenn Symptome entstehen.
Prävention, die wirkt: Was dein Herz wirklich stärkt
Bewegung – mehr als Ausgleich
Regelmäßige Bewegung verbessert Gefäßelastizität, senkt Entzündungen und stabilisiert den Stoffwechsel. Besonders interessant: Frauen profitieren von körperlicher Aktivität oft stärker als Männer.
Große Registerdaten zeigen, dass bereits moderates Krafttraining das Risiko kardiovaskulärer Todesfälle bei Frauen deutlich senken kann⁴. Auch isometrische Übungen wie Planks oder Wandsitzen haben in Studien den Blutdruck um bis zu 10 mmHg reduziert⁵.
Ernährung – mediterran gedacht
Die mediterrane Ernährung gilt als eines der wirksamsten Konzepte zur Herzprävention. Sie wirkt entzündungshemmend, stabilisiert den Blutzucker und verbessert das Lipidprofil.
In der großen PREDIMED-Studie reduzierte sie Herzinfarkte, Schlaganfälle und kardiovaskuläre Todesfälle um rund 30 %⁶ – unabhängig von Gewichtsverlust.
Mikronährstoffe – gezielt statt pauschal
Omega-3-Fettsäuren, B-Vitamine und Magnesium können – bei nachgewiesenem Bedarf – Herz und Gefäße unterstützen. Hochdosiertes EPA senkte in einer großen Studie das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 25 %⁷. Entscheidend ist eine individuelle Bewertung, keine Selbstmedikation.
Hormonersatztherapie: Warum das Timing entscheidend ist
Kaum ein Thema ist so emotional aufgeladen wie die Hormonersatztherapie. Heute gilt: Nicht die Therapie an sich entscheidet über das Risiko, sondern Zeitpunkt, Präparat und individuelle Situation.
Beginnt eine HRT innerhalb der ersten 10 Jahre nach der Menopause oder vor dem 60. Lebensjahr, zeigt sich in vielen Studien ein günstiges Nutzen-Risiko-Profil – teils mit weniger Herz-Kreislauf-Ereignissen und geringerer Gesamtsterblichkeit⁸. Später begonnen überwiegen die Risiken.
Auch die Form ist relevant: Transdermale Östrogene gelten als gefäßschonender als orale Präparate.
Fazit: Die Wechseljahre sind eine Herzensangelegenheit
Die Menopause ist kein Defizit.
Sie ist ein biologischer Übergang – mit neuen Anforderungen.
Gefäße altern schneller, Blutdruck wird sensibler, Entzündungen nehmen zu. Doch genau hier liegt eine Chance: Wer jetzt hinschaut, kann langfristig viel bewirken.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Fürsorge.
Quellen
- Ahuja V et al. Progression of carotid artery stiffness across the menopause transition. Hypertension, 2020.
- Khoudary SR et al. Menopause Transition and Cardiovascular Disease Risk. Circulation, 2020.
- Muka T et al. Vasomotor symptoms and cardiovascular disease risk. PLOS One, 2016.
- Ji H et al. Sex differences in physical activity and cardiovascular mortality. Journal of the American College of Cardiology, 2024.
- Dempsey PC et al. Isometric exercise training for blood pressure management. British Journal of Sports Medicine, 2023.
- Estruch R et al. Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet. New England Journal of Medicine, 2013.
- Bhatt DL et al. Cardiovascular risk reduction with icosapent ethyl. New England Journal of Medicine, 2019.
- Hodis HN, Mack WJ. Menopausal hormone therapy and cardiovascular health: the timing hypothesis. Nature Reviews Cardiology, 2022.









