Das Gefühl von Leere oder Verluste, die keiner benennt

Das Gefühl von Leere oder Verluste, die keiner benennt

Sandra ist 47. Sie hat einen Job, den sie gut macht. Zwei Kinder, die sie liebt. Eine Ehe, die funktioniert. Und trotzdem sitzt sie manchmal abends am Küchentisch und weiß nicht, warum sie weint.

Sie hat alles, was sie sich gewünscht hat. Und genau das macht es so schwer.

Die Trauer, die keinen Namen hat

In der Lebensmitte passiert etwas, für das unsere Gesellschaft kaum Sprache hat. Kein Todesfall, keine Trennung, kein konkreter Verlust. Und doch ein tiefes Gefühl von: Etwas ist vorbei.

Die Jugend. Bestimmte Träume. Die Version von sich selbst, die man werden wollte. Die Möglichkeit, dass das Leben noch komplett anders werden könnte.

Das ist echte Trauer. Und sie ist so legitim wie jede andere.

Psychologinnen nennen das antizipatorische Trauer oder stille Verluste, also Abschiede von Dingen, die nie ausgesprochen, nie beerdigt, nie betrauert wurden.¹ Sie sind deshalb nicht weniger real. Sie sind nur schwerer zu greifen.

Der Körper weiß es zuerst

Was viele Frauen in dieser Phase erleben: Der Körper meldet sich, bevor der Kopf versteht. Schlafstörungen, Erschöpfung, ein diffuses Gefühl von Leere oder Gereiztheit. Vieles davon hat hormonelle Ursachen, die in den Wechseljahren eine reale Rolle spielen.² Aber nicht alles.

Sandra war beim Frauenarzt. Blutwerte unauffällig, Hormone im Normbereich. Die Ärztin sagte, das sei halt das Alter. Sandra fuhr nach Hause und weinte wieder.

Was ihr fehlte, war kein Rezept. Es war jemand, der fragte: Was trägst du gerade?

Was in der Lebensmitte wirklich passiert

Zwischen 40 und 55 verdichtet sich das Leben. Die eigenen Eltern werden älter oder sterben. Die Kinder brauchen einen weniger. Der Körper verändert sich. Und plötzlich ist da diese Frage, leise, aber hartnäckig: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr Tochter, Mutter, Karrierefrau im Aufstieg bin?

Dieser Moment ist keine Krise im klinischen Sinne. Er ist ein Übergang. Und Übergänge tun weh, weil man auf beiden Seiten gleichzeitig steht. Man hat noch nicht losgelassen, und man weiß noch nicht, was kommt.

Die Entwicklungspsychologin Bernice Neugarten beschrieb die Lebensmitte als Phase der "Stocktaking", des inneren Bilanzziehens.³ Nicht als Versagen. Als natürlichen Schritt.

Die Stille zwischen zwei Leben

Sandra hat angefangen, morgens zehn Minuten früher aufzustehen. Nicht für Sport. Nicht für Meditation. Einfach um allein zu sein, bevor der Tag beginnt und alle etwas von ihr wollen.

Sie sagt, das sei das Erste gewesen, das sich nach ihr angefühlt hat. Nach ihr allein.

Trauer in der Lebensmitte braucht keinen Anlass, den andere verstehen. Sie braucht Raum. Stille. Und die Erlaubnis, da zu sein, ohne sofort in Lösungen zu denken.

Was hilft, und was nicht

Was nicht hilft: Der Reflex, alles auf Hormone zu schieben und eine Tablette zu suchen. Manchmal ist das richtig, manchmal nicht. Hormonelle Veränderungen und emotionale Verarbeitungsprozesse können gleichzeitig passieren und sich gegenseitig verstärken.²

Was hilft: Benennen. Nicht jedem, nicht laut, aber sich selbst gegenüber. Ich trauere gerade. Um was auch immer es ist.

Studien zeigen, dass das bewusste Anerkennen von Verlustgefühlen, auch diffusen, die psychische Belastung deutlich reduziert.⁴ Das Gegenteil, also Verdrängen oder Rationalisieren, verlängert den Prozess.

Und dann: Unterstützung suchen, die das ernst nimmt. Eine Therapeutin. Eine Ärztin, die fragt. Eine Gemeinschaft von Frauen, die verstehen, wovon du redest, weil sie mittendrin sind.

Das ist kein Ende. Es ist ein Zwischen.

Sandra weint noch manchmal. Aber sie weiß inzwischen, warum. Und das, sagt sie, macht den größten Unterschied.

Sie trauert um die Frau, die sie mit dreißig sein wollte. Und sie lernt gerade, neugierig zu werden auf die Frau, die sie mit fünfzig sein wird.

Das ist kein Optimismus aus dem Wellnessheft. Das ist schwere, echte Arbeit. Und sie lohnt sich.

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Quellen

¹ Boss P. Ambiguous Loss: Learning to Live with Unresolved Grief. Harvard University Press; 1999.

² Bromberger JT, Kravitz HM. Mood and menopause: findings from the Study of Women's Health Across the Nation (SWAN) over 10 years. Obstet Gynecol Clin North Am. 2011;38(3):609-625. https://doi.org/10.1016/j.ogc.2011.05.011

³ Neugarten BL. The awareness of middle age. In: Neugarten BL, ed. Middle Age and Aging. University of Chicago Press; 1968.

⁴ Stroebe M, Schut H. The dual process model of coping with bereavement: rationale and description. Death Stud. 1999;23(3):197-224. https://doi.org/10.1080/074811899201046

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.

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