
Mit mir stimmt etwas nicht – oder stimmt mit der Diagnose etwas nicht?
Lena ist 47. Seit Monaten schläft sie schlecht, ist reizbar, fühlt sich innerlich angespannt, antriebslos, manchmal wie neben sich. Sie geht zum Arzt. Der hört zu, nickt. Und schreibt ein Rezept für ein Antidepressivum.
Niemand fragt nach ihrer letzten Periode. Niemand misst die Hormone.
Lenas Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist, laut aktueller Forschung, erschreckend häufig.
Was die Zahlen zeigen
Frauen in der Perimenopause haben ein bis zu 40 % höheres Risiko, Stimmungsveränderungen, Angstzustände oder depressive Symptome zu erleben als in den Jahren davor. Und wenn sie deswegen Hilfe suchen, bekommen viele von ihnen Antidepressiva – obwohl die Menopause-Leitlinien klar sagen, dass diese Medikamente nicht die Erstbehandlung für menopausebedingte Stimmungsprobleme sein sollten.
Nachdem die WHI-Studie Ärztinnen und Ärzte gegenüber Hormonen verunsichert hatte, verordneten viele stattdessen Antidepressiva, Schlafmittel oder alternative Substanzen – ohne gesicherte Evidenz für deren Wirksamkeit bei hormonell bedingten Beschwerden.
Das ist kein individuelles Versagen einzelner Ärztinnen und Ärzte. Es ist ein strukturelles Problem: zu wenig Zeit, zu wenig Ausbildung in Menopausethemen, und eine Symptomatik, die sich verdächtig nach Depression anfühlt.
Warum Wechseljahre wie Depression aussehen können
Das ist der Kern des Problems – und er liegt in der Biologie.
Östrogen beeinflusst direkt die Produktion und Verfügbarkeit von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin – denselben Neurotransmittern, die bei einer klinischen Depression aus dem Gleichgewicht geraten. Progesteron wirkt angstlösend, schlaffördernd und nervensystem-stabilisierend über GABA-Rezeptoren im Gehirn.^1^
Wenn beide Hormone in der Perimenopause schwanken und sinken, entstehen Symptome, die im ICD und DSM fast deckungsgleich mit Depression beschrieben werden:
- Antriebslosigkeit, emotionale Erschöpfung
- Angstzustände, innere Unruhe
- Reizbarkeit, Stimmungstiefs
- Schlafstörungen
- Konzentrationsprobleme, Gedächtnislücken
Der Unterschied: Bei hormonell bedingten Symptomen ist die Ursache ein Hormonmangel – kein Serotonindefizit. Antidepressiva beheben keinen Hormonmangel.
Was die Forschung dazu sagt
Das Positionspapier der Nordamerikanischen Menopause Gesellschaft (NAMS) aus 2022 hielt fest, dass die antidepressive Wirkung von Östrogen ähnlich stark ist wie die von Antidepressiva, wenn es depressiven Frauen in der Perimenopause verabreicht wird – und dass transdermales Östradiol mit mikronisiertem Progesteron depressive Symptome bei Frauen in der Perimenopause sogar vorbeugen kann.
Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Und sie zeigt: Die Lösung für manche Frauen ist nicht ein psychiatrisches Medikament – sondern eine hormonelle Abklärung.
Die Menopause-Leitlinien sind klar: Antidepressiva sollten nicht als Erstbehandlung für menopausebedingte Stimmungsveränderungen eingesetzt werden, weil es keine Evidenz gibt, dass sie bei dieser Ursache helfen.
Wann Antidepressiva sinnvoll sind
Das ist ein wichtiger Punkt – denn dieser Artikel richtet sich nicht gegen Antidepressiva.
Es gibt Situationen, in denen sie helfen und sinnvoll sind:
- Bei einer echten klinischen Depression, die unabhängig von den Hormonen besteht
- Bei schweren Angststörungen, die eine spezifische Behandlung brauchen
- Bei vasomotorischen Symptomen wie Hitzewallungen, wenn HRT nicht möglich ist: SSRIs und SNRIs wie Venlafaxin zeigen hier eine belegte Wirkung^2^
- Wenn beide Diagnosen zutreffen: Perimenopause und Depression schließen sich nicht aus^3^
Leitlinien empfehlen individualisierte HRT bei perimenopausalen Beschwerden, wenn ein klarer hormoneller Zusammenhang besteht – und betonen Psychotherapie sowie Lebensstil als zentrale Bausteine.
Manchmal braucht es Antidepressiva. Manchmal Hormone. Oft braucht es ein Gespräch, das beides unterscheidet.
Das eigentliche Problem: Die Diagnose, nicht die Frau
Wenn Lena mit einem Antidepressivum nach Hause geht, ohne dass jemand nach ihrer Zyklusgeschichte gefragt hat, ist das kein Versagen von Lena.
Typische Versäumnisse in der Praxis:
- Keine Frage nach Zyklusveränderungen oder Perimenopause
- Keine hormonelle Differenzialdiagnostik (FSH, Östradiol, Progesteron)
- Keine Auseinandersetzung damit, dass die Beschwerden zeitlich mit der Perimenopause zusammenfallen
- Zeitmangel und die Tendenz, psychische Symptome sofort psychiatrisch einzuordnen
Das ist ein systembedingtes Problem – zu wenig Zeit pro Termin, zu wenig Ausbildung in Menopausethemen, und eine jahrelange Verunsicherung durch die WHI-Studie, die Ärztinnen und Ärzte gegenüber Hormonen zögerlich gemacht hat.
Was du jetzt tun kannst
Wenn du dich in Lenas Geschichte wiedererkennst – oder dich fragst, ob das, was du nimmst oder nehmen sollst, wirklich zur Ursache passt – sind das die richtigen Fragen:
Wurde bei mir nach der Perimenopause gefragt? Wurden Hormone als mögliche Ursache meiner Beschwerden überhaupt thematisiert?
Wurden Hormone gemessen? FSH, Östradiol, Progesteron – eine einfache Blutuntersuchung kann Klarheit bringen.
Fühle ich mich verstanden – oder nur versorgt? Das ist ein Unterschied.
Und: Du hast das Recht, eine zweite Meinung einzuholen. Du hast das Recht, Fragen zu stellen. Du hast das Recht, den Zusammenhang zwischen deinen Beschwerden und deiner hormonellen Situation anzusprechen – auch wenn du die medizinische Fachsprache dafür nicht kennst.
Das hermaid-Versprechen
hermaid steht für genau das: Frauen dabei zu unterstützen, informiert und selbstbestimmt durch die Wechseljahre zu gehen. Mit Expertinnen und Experten, die zuhören, die die richtigen Fragen stellen – und die zwischen hormonellen und psychiatrischen Ursachen unterscheiden können.
Hast du ähnliches erlebt? Antidepressiva bekommen, ohne dass Hormone abgeklärt wurden? Du bist nicht allein damit – und deine Erfahrung verdient Sichtbarkeit.
Quellen
- Brinton RD (2020). Estrogen-induced plasticity from cells to circuits: predictions for cognitive function. Frontiers in Pharmacology, 11, 368. https://doi.org/10.3389/fphar.2020.00368
- Worsley R et al. (2018). Non-hormonal treatments for menopausal symptoms. Climacteric, 21(6), 532–538. https://doi.org/10.1080/13697137.2018.1502451
- Maki PM et al. (2018). Guidelines for the evaluation and treatment of perimenopausal depression. Menopause, 25(10), 1069–1085. https://doi.org/10.1097/GME.0000000000001174
- Freeman EW (2010). Depression in the menopause transition: risks in the changing hormone milieu as observed in the general population. Menopause, 17(1), 1–4. https://doi.org/10.1097/gme.0b013e3181c65b8d
- NAMS Position Statement (2022). The 2022 hormone therapy position statement of The Menopause Society. Menopause, 29(7), 767–794. https://doi.org/10.1097/GME.0000000000002028









